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Sparschwein und Münzstapel vor einem Modell eines Kampfflugzeugs und einer Lupe auf Unterlagen.

Ab dem 1. Januar 2027 fördert der Staat erstmals die private Altersvorsorge mit Fonds und ETFs – mit bis zu 540 Euro Zulage im Jahr. Wohin dieses Geld fließt, regelt das Gesetz nicht. Wer einen gewöhnlichen Welt-ETF bespart, ist damit auch an Konzernen wie Lockheed Martin, RTX oder BAE Systems beteiligt – teils mit Steuergeld. Und wer das nicht will, zahlt drauf.

Das neue Altersvorsorgedepot ist das größte Umbauprojekt der privaten Altersvorsorge seit der Riester-Rente. Die Bundesregierung verspricht mehr Rendite, mehr Flexibilität und niedrigere Kosten. Eine Vorgabe fehlt dagegen: In welche Unternehmen das geförderte Geld fließen darf, schreibt das Gesetz nicht vor. Das ist allein Sache der Anbieter – und der Sparerinnen und Sparer, sofern sie genau hinschauen.

Was ab Januar kommt

Der Bundestag hat das Altersvorsorgereformgesetz am 27. März 2026 beschlossen, der Bundesrat hat am 8. Mai zugestimmt. Am 29. Mai wurde es im Bundesgesetzblatt verkündet. Seit Herbst zertifiziert das Bundeszentralamt für Steuern die ersten Produkte, eröffnen kannst du ein Depot ab dem 1. Januar 2027. Für neue Verträge löst es die Riester-Rente ab.

Die Förderung ist großzügiger als bei Riester. Auf die ersten 360 Euro, die du im Jahr einzahlst, legt der Staat 50 Prozent drauf. Auf alles zwischen 360 und 1.800 Euro gibt es 25 Prozent. Das ergibt höchstens 540 Euro Grundzulage, dazu bis zu 300 Euro pro Kind. Die Erträge bleiben bis zur Rente steuerfrei.

Angelegt wird in Fonds, ETFs und Anleihen der Risikoklassen 1 bis 5. Einzelaktien, Kryptowährungen und Zertifikate sind verboten. Das Gesetz regelt also sehr genau, wie riskant und wie teuer die Anlage sein darf. Was die Unternehmen in den Fonds herstellen, spielt dagegen keine Rolle.

Was im Depot steckt – in Euro gerechnet

Die meisten werden zu einem breiten Welt-ETF greifen, zum Beispiel auf den MSCI World. In diesem Index macht die Branche Luftfahrt und Rüstung rund 2 bis 3 Prozent aus. Darin enthalten sind unter anderem Lockheed Martin, RTX (früher Raytheon), Northrop Grumman und BAE Systems. Zu dieser Branche zählen allerdings auch zivile Flugzeugbauer.

„Nur ein paar Prozent“ – so klingt das harmlos. In Euro sieht es anders aus. Wer die volle Förderung mitnimmt, zahlt 1.800 Euro ein und bekommt 540 Euro Zulage. Bei 2 bis 3 Prozent werden davon jedes Jahr etwa 47 bis 70 Euro in Aktien dieser Branche angelegt. Rund 11 bis 16 Euro davon stammen aus der staatlichen Zulage, also aus Steuergeld.

Über 40 Jahre Ansparzeit summiert sich das rein rechnerisch auf rund 1.900 bis 2.800 Euro pro Person – ohne Kursgewinne. Der Anteil ist dabei nicht fest: Steigen die Kurse der Rüstungskonzerne, wächst ihr Gewicht im Index automatisch mit.

Pflicht zur Auskunft, aber keine Pflicht zur Rücksicht

Ganz ausgeblendet hat der Gesetzgeber das Thema nicht. Jeder Anbieter muss dich einmal im Jahr darüber informieren, ob und wie er ethische, soziale und ökologische Belange bei der Anlage deiner Beiträge und Zulagen berücksichtigt.

Das „ob“ ist dabei entscheidend. Die Antwort darf auch lauten: gar nicht. Eine Mindestanforderung an die Anlage gibt es nicht. Außerdem kommt die Information erst im Nachhinein, spätestens bis zum Ende des Jahres nach dem jeweiligen Beitragsjahr. Für deine Einzahlungen 2027 erfährst du es also unter Umständen erst Ende 2028.

Die Verantwortung liegt damit vollständig bei dir. Wer die jährliche Post ungelesen abheftet, weiß nicht, wofür sein Geld arbeitet.

Das Standarddepot: Wer nichts entscheidet, für den wird entschieden

Für alle, die sich nicht mit Fonds beschäftigen wollen, schreibt das Gesetz ein Standarddepot vor. Jeder Anbieter muss es im Programm haben. Es besteht aus zwei Fonds, die der Anbieter auswählt: einem sicherheitsorientierten und einem renditeorientierten. Die Kosten sind auf 1 Prozent im Jahr gedeckelt.

Der Gesetzentwurf beschreibt das Prinzip selbst: Entscheiden musst du nur, wenn du ausdrücklich von den Voreinstellungen abweichen willst. Genau hier liegt das Problem. Das Standarddepot richtet sich an Menschen, die sich nicht informieren wollen oder können. Gerade sie wissen am Ende nicht, welche Unternehmen in ihren beiden Fonds stecken.

Dazu soll ein öffentlich organisiertes Standarddepot kommen. Die Grünen hatten im Bundestag einen öffentlich verwalteten Bürgerfonds gefordert, der ausdrücklich nachhaltig sein sollte. Ob das staatliche Standarddepot nachhaltig ausgerichtet wird, ist offen: Die Verordnung dafür liegt noch nicht vor.

„Nachhaltig“ heißt nicht mehr „ohne Waffen“

Wer jetzt denkt, ein nachhaltiger Fonds löse das Problem, sollte genauer hinsehen. Im Dezember 2024 hat der Fondsverband BVI eine Regel gestrichen, die jahrelang als Standard galt: den Ausschluss von Unternehmen, die mehr als zehn Prozent ihres Umsatzes mit Rüstungsgütern machen. Seitdem ist bei deutschen ESG-Fonds nur noch ausgeschlossen, was ohnehin völkerrechtlich verboten ist – etwa Streumunition oder Landminen.

Auch viele Fonds, die Rüstung weiterhin ausschließen, arbeiten mit Toleranzgrenzen. Üblich sind 5 Prozent: Ein Konzern darf bis zu diesem Anteil seines Umsatzes mit Rüstung machen und bleibt trotzdem im Fonds. Die Branche begründet das damit, dass sich ein Ausschluss von null Prozent nicht garantieren lasse, weil zivile Produkte auch in Waffen landen können.

Das Etikett „nachhaltig“ sagt also wenig. Entscheidend sind die konkreten Ausschlusskriterien und Umsatzgrenzen im Fondsprospekt.

Das Gewissen kostet extra

Es gibt Fonds, die konsequent sind. Sie schließen nicht nur Rüstung aus, sondern auch vieles, was kritischen Anlegerinnen und Anlegern genauso wichtig ist:

  • Ökoworld schließt Rüstung, Kohle, Öl, Atomenergie und Pestizide komplett aus, und zwar auch bei Zulieferern. Dazu kommen Korruption, Raubbau und Verstöße gegen Arbeits- und Menschenrechte. Das Fachportal ECOreporter hat Anfang 2026 die Bestände von zwei Ökoworld-Fonds vollständig geprüft und keinen Verstoß gefunden.
  • GLS schließt unter anderem Waffen und Rüstungsgüter, Gentechnik in der Landwirtschaft, Massentierhaltung sowie Verletzungen von Menschen- und Arbeitsrechten aus. Die Umsatzgrenzen liegen meist bei 0 Prozent, höchstens bei 5 Prozent.
  • Triodos setzt seine Ausschlussgrenze für Rüstung bei 0 Prozent an.

Der Haken: Solche Fonds sind keine billigen Indexfonds. Die Unternehmen werden einzeln geprüft und ausgewählt, und das kostet. Der Kostendeckel von 1 Prozent gilt aber nur im Standarddepot. Wer sein Altersvorsorgedepot nach eigenem Gewissen bestückt, verlässt diesen Schutz und zahlt höhere Gebühren aus der eigenen Rendite. Die staatliche Förderung ist für alle gleich hoch – ein Ausgleich für den sauberen Weg ist nicht vorgesehen.

Ob ein bestimmter Ethikfonds überhaupt angeboten wird, hängt außerdem vom jeweiligen Anbieter ab. Nicht jede Bank oder jeder Broker wird ihn für das geförderte Depot im Programm haben.

Was Kritiker sagen – und was die Bundesregierung sagt

In der Anhörung im Bundestag haben Finanzwirtschaft und Verbraucherschützer das Gesetz sehr unterschiedlich bewertet. Die Branche begrüßte die Reform grundsätzlich, Verbraucherschützer und Gewerkschaften übten Kritik.

Der Verbraucherzentrale Bundesverband schrieb in seiner Stellungnahme: Wer sein Depot selbst zusammenstellen und bei Bedarf umschichten kann, dürfte profitieren. Für alle anderen berge das Gesetz mehr Risiken als Chancen, weil es keinen Mechanismus gebe, der die Qualität sichert. Der Verband forderte stattdessen ein einziges öffentlich-rechtliches Standardprodukt nach schwedischem Vorbild.

Die Bundesregierung hält dagegen: Die Riester-Rente werde durch flexiblere, renditestärkere und kostengünstigere Produkte ersetzt. Bürgerinnen und Bürger könnten so von Anlagen mit höheren Renditechancen profitieren, etwa von weltweit gestreuten Aktien-ETFs. Richtig ist auch: Niemand wird gezwungen, in Rüstung oder andere umstrittene Branchen zu investieren – die Wahl der Fonds bleibt frei.

Was du tun kannst

Wenn du im Januar ein Altersvorsorgedepot eröffnest, entscheidest du mit, was mit deinem Geld passiert – aber nur, wenn du aktiv wirst:

  • Frag nach, was im Standarddepot steckt. Lass dir vom Anbieter die beiden Fonds nennen, bevor du unterschreibst.
  • Lies die Ausschlusskriterien. Sie stehen im Factsheet oder Prospekt des Fonds. Achte auf die Umsatzgrenzen: 0 Prozent ist etwas anderes als 5 oder 10 Prozent.
  • Verlass dich nicht auf das Wort „nachhaltig“. Es schließt Rüstung heute nicht mehr automatisch aus.
  • Prüfe, ob dein Anbieter Ethikfonds für das geförderte Depot anbietet. Wenn nicht, kann sich ein anderer Anbieter lohnen.
  • Lies die jährliche Information. Dort muss stehen, ob und wie ethische, soziale und ökologische Belange berücksichtigt werden. Steht dort „nicht“, weißt du Bescheid.

Die Euro-Beträge sind eigene Berechnungen auf Basis der Förderhöchstbeträge und des Branchenanteils im MSCI World.

Freitag, 02.10.2026

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