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Wie der öffentliche Nahverkehr im Radio-NWW-Sendegebiet Hunderttausende von gesellschaftlicher Teilhabe abschneidet, und warum denen, die es ändern könnten, das herzlich egal ist.

Stellen Sie sich vor: Sonntagnachmittag, 3 Kilometer entfernt spielt die Kapelle, Freunde warten, der Kuchen ist schon aufgeschnitten. Sie haben kein Auto, vielleicht weil Sie sich keines leisten können, vielleicht weil Sie zu alt sind, vielleicht weil Sie nie eines hatten. Also schauen Sie nach dem Bus.

Ländliche AVV-Bushaltestelle bei extremem Regenwetter. Links steht ein einzelnes Haltestellenschild mit AVV-Logo und Fahrplankasten an einem nassen Straßenrand, ein Bushäuschen oder Wetterschutz ist nicht vorhanden. Rechts fährt ein AVV-Bus mit eingeschalteten Scheinwerfern durch starken Regen auf der überfluteten Landstraße. Auf der Zielanzeige steht „506 Augsburg Hbf

Der fährt gar nicht, unpassend, alle 2 Stunden oder weniger. Oder nur bis 18:00 Uhr. Wurde vielleicht sogar eingestellt, wie im Landkreis Dillingen. Dort wurden zum 1. Mai 2026 sämtliche Rufbusse mangels Finanzierung gestrichen. Ersatzlos. Mitten im Jahr.

Sie bleiben, gezwungener Maßen, zuhause.

Die bequeme Blindheit der Entscheider

Wer im Sendegebiet immer ein Auto hatte, kennt diese Situation nicht aus eigener Erfahrung. Und genau dort liegt der Kern des Versagens: Die Menschen, die über den Nahverkehr befinden, fahren selbst mit dem Auto zur Arbeit, zum Arzt oder zur Sitzung, mitunter sogar zu Presseterminen, bei denen sie den ÖPNV loben. Der Bus, über den sie abstimmen, ist für sie eine Planungsgröße. Für andere ist er die einzige Verbindung zur Außenwelt.

Das erklärt, warum Nahverkehrspläne hartnäckig am Werktag kleben. Warum Konzepte und Analysen die stündliche Erreichbarkeit als Maßstab feiern und dabei Montag bis Freitag meinen. Als würde das Leben am Wochenende einfach aussetzen. Das Leben findet aber nicht nach Dienstplan statt.

2 Prozent für alles, was nicht nach Augsburg führt

Die Zahlen sind nüchtern, und sie sind vernichtend. Im Landkreis Aichach-Friedberg haben abends nicht einmal 46 Prozent der Bevölkerung ein stündliches Busangebot. Für die andere Hälfte endet öffentliche Mobilität mit dem Feierabend. Kein Theater. Kein Konzert. Kein Besuch bei Freunden im Nachbardorf.

Hinzu kommt eine strukturelle Schieflage, die der Augsburger Verkehrsverbund in seinem eigenen Nahverkehrsplan offen benennt: Das Netz ist radial auf Augsburg ausgerichtet. Tangentialverbindungen zwischen Nachbargemeinden machen gerade einmal 2 Prozent der Verflechtungen aus. Wer also von Dorf A nach Dorf B will und beide nicht auf derselben Linie nach Augsburg liegen, muss oft den Umweg über die Stadt nehmen. Was mit dem Auto 20 Minuten dauert, wird so zum 1-stündigen Hindernislauf mit Umstieg, Wartezeit und unsicherem Rückweg.

Dillingen: Wenn aus Versprechen Schweigen wird

Nirgendwo zeigt sich deutlicher, wie ÖPNV behandelt wird, wenn er als Zusatzleistung statt als Grundversorgung gilt, als im Landkreis Dillingen. Seit dem 1. Mai 2026 fahren die Rufbusse nicht mehr, nicht wegen mangelnder Nachfrage und nicht wegen technischer Probleme, sondern weil die Finanzierung endete und niemand rechtzeitig dafür gesorgt hat, dass sie weiterläuft. Ein Nachfolgekonzept existiert, die Betriebsaufnahme ist aber erst für den 13. Dezember geplant. Dazwischen liegen 7 Monate.

7 Monate, in denen eine ältere Frau in Höchstädt vielleicht nicht zum Arzt kommt. 7 Monate, in denen ein junger Mann ohne Führerschein nicht zum Vorstellungsgespräch in der Nachbarstadt fährt. 7 Monate, in denen Mobilität für die Schwächsten wieder einmal aufgehört hat, selbstverständlich zu sein. Das ist keine Verwaltungspanne. Das ist eine politische Aussage.

Die App rettet niemanden

Manche Verbünde feiern appbasierte On-Demand-Systeme als Lösung der Zukunft. Der AktiVVo im Landkreis Augsburg funktioniert dabei teilweise durchaus, hat aber Grenzen, die seine Eignung als flächendeckende Antwort grundsätzlich in Frage stellen. Spontaner Zustieg ist ausgeschlossen, nachträgliche Zieländerungen sind nicht möglich, und das System fährt nur innerhalb eng definierter Zellen. Wer kein Smartphone besitzt oder damit nicht zurechtkommt, bleibt außen vor.

Öffentlicher Nahverkehr, der an Datenvertrag und App-Kenntnisse gebunden ist, ist kein öffentlicher Nahverkehr mehr. Er ist ein digitaler Zirkel für eine bestimmte Gruppe und schließt genau die aus, die am dringendsten auf ihn angewiesen wären: Ältere, Menschen mit Behinderung, Arme und Kinder. Analoge Zugangswege müssen gleichwertig sein, nicht bloß geduldet.

Wofür Menschen wirklich Busse brauchen

Hier liegt das tiefste Missverständnis in der gesamten Debatte: Nahverkehr wird fast ausschließlich an Pendelwegen zur Arbeit und an Wegen zum Arzt gemessen. Das greift zu kurz. Im Landkreis Günzburg fehlen in 14 Kommunen ausreichende Lebensmittelgeschäfte. Gleichzeitig werden Buslinien ausgedünnt und Rufbusse gestrichen. Die Schere öffnet sich von beiden Seiten: weniger Versorgung vor Ort und weniger Möglichkeit, sie woanders zu erreichen.

Doch Mobilität ist mehr als Grundversorgung. Menschen brauchen soziale Kontakte, kulturelle Teilhabe und die Freiheit, spontan zu entscheiden: Ich gehe heute Abend aus. Ich besuche Freunde. Ich schaue ein Theaterstück. Ich feiere mit meiner Gemeinde. Wer diese Freiheit besitzt, nennt sie Alltag. Wer sie nicht hat, nennt sie Einschränkung. Irgendwann hört er auf, sie überhaupt noch zu benennen.

Was sich ändern muss

Es gibt Ansätze, die Hoffnung machen. Das Flexibus-System im Landkreis Günzburg beweist, dass vernetzte Bedarfsmobilität auf dem Land funktionieren kann. Der AVV-Nahverkehrsplan 2026 Plus denkt ernsthafter über ländliche Räume nach als seine Vorgänger. Donau-Ries will ab August nachrüsten.

Aber gute Absichten ersetzen keine verbindlichen Standards. Was gebraucht wird, ist an jedem Tag der Woche mindestens stündliche Erreichbarkeit zu zentralen Orten, Bahnhöfen, Krankenhäusern und Einkaufsmöglichkeiten, und zwar bis mindestens 22 Uhr, auch samstags, sonntags und an Feiertagen. Nicht als Ziel für irgendwann, sondern als Pflicht. Denn Mobilität ist keine Subvention. Sie ist eine Investition in Menschen, in Gemeinden und in eine Gesellschaft, die diesen Namen verdient.

Wie absurd diese Schieflage ganz konkret im Sendegebiet aussieht, zeigt ein Beispiel aus Biburg: Für die kurze Strecke vom Heuweg nach Willishausen braucht man mit dem Auto 7 Minuten, zu Fuß 38 Minuten, mit dem Nahverkehr aber 43 Minuten, inklusive Umstieg und zusätzlichem Fußweg. Gerade für ältere Menschen und Menschen mit Behinderung ist so eine Verbindung keine Kleinigkeit, sondern eine spürbare Hürde im Alltag.

Infografik zur Verbindung vom Heuweg in Biburg nach Willishausen in der Gemeinde Diedorf. Drei Wege werden verglichen: Mit dem Auto dauert die Strecke 7 Minuten bei 2,8 Kilometern. Zu Fuß dauert sie 38 Minuten bei 2,8 Kilometern. Mit dem Nahverkehr dauert die Verbindung 43 Minuten mit den Linien 506e und 601. Die Grafik hebt hervor: Der Nahverkehr dauert hier länger als der Fußweg. Zusätzlich zeigt sie die Belastung durch 2 Busfahrten, 14 Minuten Umstieg und 6 Minuten Fußweg. Besonders für ältere Menschen und Menschen mit Behinderung können Umstieg, Wartezeit und zusätzliche Wege eine große Hürde sein.

Und noch eine Zahl, die sich kein Verantwortlicher leisten sollte zu vergessen: 73 Prozent der Bushaltestellen im ländlichen AVV-Gebiet sind nicht barrierefrei ausgebaut. Wo Menschen buchstäblich nicht einsteigen können, ist jeder Fahrplan wertlos.

Wer fehlt beim Fest?

Beim nächsten Sommerfest im Nachbardorf lohnt sich ein genauer Blick: Wer ist nicht da? Welche Nachbarin haben Sie seit der Führerscheinabgabe kaum noch gesehen? Welches Kind sitzt am Sonntagnachmittag zuhause, weil der Sportverein 3 Dörfer weiter liegt und keine Verbindung existiert?

Diese Abwesenheiten sind still. Sie fallen nicht auf. Und genau deshalb sind sie so gefährlich. Öffentlicher Nahverkehr auf dem Land ist nicht das Problem von Menschen ohne Auto. Es ist die Frage, ob wir eine Gesellschaft sein wollen, in der Teilhabe vom Führerschein abhängt, oder eine, in der sie für alle gilt.

Quellen: Nahverkehrsplan AVV 2026Plus, Senioren-Gesamtkonzept Landkreis Günzburg 2024, Beschlüsse Kreistag Donau-Ries, Landkreis Dillingen Nahverkehrskonzept 2026, VVM Verbundberichte 2025/2026.

Samstag, 16.05.2026

Der Nachmittag
von 14:00 - 17:59 Uhr

Wir begleiten Euch bis zum Feierabend.
Moderation:
Aktueller Titel:
George Michael
A Different Corner

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Nachfolgend geplante Sendungen
Zeit Sendung Moderation
18:00 - 19:59 Servus Wochenende Jörg Bonfert
20:00 - 23:59 Die Radio NWW-Party am Samstagabend (unmoderierte Sendung)
zuletzt gespielte Titel
Zeit Titel
15:46 Bay City Rollers - Saturday Night
15:42 No Mercy - Please Don't Go
15:38 Rainhard Fendrich - Weus'd a Herz hast wia a Bergwerk (Live aus der S_halle _ 1985)
15:35 Münchener Freiheit - Aus und vorbei
15:31 Billy Swan - I Can Help
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